Journalismus & Medien

Hengameh Yaghoobifarah – Provokation, Literatur und Gesellschaft im Spiegel der Gegenwart

Hengameh Yaghoobifarah wurde 1991 in Kiel geboren und wuchs in Buchholz in der Nordheide auf. Die Eltern stammen aus dem Iran, was Yaghoobifarahs Identität und Arbeit bis heute prägt. Nach dem Abitur studierte sie Medien- und Kulturwissenschaft sowie Skandinavistik an den Universitäten Freiburg und Linköping. Seit mehreren Jahren lebt sie in Berlin, wo sie als Autorin, Kolumnistin und Kulturschaffende tätig ist.

Yaghoobifarah identifiziert sich als nicht-binäre Person und verwendet im Englischen die Pronomen „they/them“. Ihre Arbeit kreist um Themen wie Queerfeminismus, Antirassismus, Popkultur, Körperpolitik und die Kritik an Gesellschaftlichen Machtstrukturen. Diese Schwerpunkte spiegeln sich sowohl in ihren journalistischen Texten als auch in ihren literarischen Werken wider.

Bekannt wurde Yaghoobifarah vor allem durch die Kolumne „Habibitus“ in der Tageszeitung taz, in der sie von 2016 bis 2022 regelmäßig gesellschaftskritische und satirische Beiträge veröffentlichte. Neben ihrer journalistischen Arbeit trat Yaghoobifarah auch als Schriftsteller*in hervor und veröffentlichte mehrere vielbeachtete Bücher.

Stil und Themen

Yaghoobifarahs Texte zeichnen sich durch eine Kombination aus Schärfe, Humor und analytischer Tiefe aus. Sie verbinden persönliche Erfahrungen mit gesellschaftspolitischen Beobachtungen und verweigern sich dabei einer bequemen Positionierung.

Thematisch bewegen sich ihre Arbeiten zwischen Alltagsrassismus, Genderfragen, queerer Identität, Körperbildern und postmigrantischen Lebensrealitäten. Stilistisch arbeitet sie oft mit Ironie und Übertreibung, um Widersprüche und Ungerechtigkeiten offenzulegen.

In der Kolumne „Habibitus“ kritisierte Yaghoobifarah nicht nur konservative Denkmuster, sondern auch Strukturen innerhalb der linken Szene. Dabei geht es immer wieder um die Frage, wie Macht, Privilegien und Repräsentation innerhalb vermeintlich progressiver Milieus funktionieren.

Die „Fusion“-Debatte

Ein frühes, viel diskutiertes Werk von Yaghoobifarah war der Essay „Fusion Revisited: Karneval der Kulturlosen“, erschienen im Jahr 2016 im Missy Magazine. Darin setzte sie sich kritisch mit dem beliebten alternativen Musikfestival „Fusion“ auseinander.

Yaghoobifarah bemängelte in diesem Text, dass das Festival, obwohl es sich als offen und tolerant verstehe, von einem überwiegend weißen, akademischen Publikum geprägt sei. Sie warf der Veranstaltung kulturelle Aneignung und ein mangelndes Bewusstsein für postmigrantische Perspektiven vor.

Die Reaktionen fielen gespalten aus: Während einige den Essay als wichtigen Denkanstoß in einer zunehmend homogenen Subkultur betrachteten, kritisierten andere den Tonfall als überzogen und spaltend. Diese Debatte machte deutlich, wie sehr Yaghoobifarah mit ihrer Arbeit immer wieder Diskurse provoziert und anstößt, die weit über die kulturelle Nische hinausreichen.

Die „Polizei“-Kolumne – Eine nationale Kontroverse

Im Juni 2020 veröffentlichte Yaghoobifarah in der taz eine Kolumne mit dem Titel „All cops are berufsunfähig“. Der satirische Text stellte die Frage, was mit Polizist*innen geschehen solle, wenn die Polizei als Institution abgeschafft würde – und endete mit dem provokanten Satz, „Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Mülldeponie“.

Was als polemische Satire gemeint war, entwickelte sich zu einer der größten Medienkontroversen des Jahres. Politiker*innen, Polizeigewerkschaften und zahlreiche Kommentatoren reagierten empört. Der damalige Innenminister Horst Seehofer kündigte sogar eine Strafanzeige an, die jedoch nie umgesetzt wurde.

Während konservative Stimmen den Text als „menschenverachtend“ bezeichneten, verteidigten andere die Kolumne als legitime Zuspitzung innerhalb der Meinungsfreiheit. Der Deutsche Presserat wies die Beschwerden schließlich ab und sah keine Verletzung des Pressekodex.

Yaghoobifarah selbst erklärte später, dass sich der Text nicht gegen einzelne Menschen richte, sondern gegen die Institution Polizei als Trägerin struktureller Gewalt. Diese Debatte offenbarte das Spannungsfeld zwischen Meinungsfreiheit, Satire und gesellschaftlicher Verantwortung – und machte Yaghoobifarah endgültig zu einer der bekanntesten, aber auch polarisierendsten Stimmen der deutschen Gegenwartskultur.

Bücher und literarische Arbeiten

Neben ihrer journalistischen Tätigkeit hat Yaghoobifarah mehrere Bücher veröffentlicht, die sowohl literarisch als auch politisch Beachtung fanden.

Eure Heimat ist unser Albtraum (2019)
Gemeinsam mit Fatma Aydemir veröffentlichte Yaghoobifarah diese Essay-Sammlung, in der 14 Autor*innen über Begriffe wie Heimat, Zugehörigkeit und Rassismus schrieben. Das Buch wurde ein großer Erfolg und gilt als ein Schlüsselwerk postmigrantischer Literatur in Deutschland.

Ministerium der Träume (2021)
In ihrem Debütroman erzählt Yaghoobifarah die Geschichte zweier Schwestern iranischer Herkunft, die im Deutschland der 1990er-Jahre aufwachsen. Das Buch behandelt Themen wie Geschwisterliebe, Verlust, Migration und queere Identität – und erhielt viel Lob für seine poetische Sprache und emotionale Tiefe.

Habibitus (2023)
Dieser Sammelband enthält ausgewählte Kolumnen aus der gleichnamigen taz-Rubrik. Die Texte bieten einen pointierten, oft ironischen Blick auf deutsche Befindlichkeiten, linke Selbstkritik und kulturelle Doppelmoral.

Schwindel (2024)
In ihrem neuesten Roman beschäftigt sich Yaghoobifarah mit den Themen Liebe, Selbstinszenierung und digitaler Kultur. Das Werk spielt mit den Grenzen zwischen Realität und Illusion und führt den Stil der Autor*in konsequent weiter – kompromisslos, queer und kritisch.

Aussprache und Lesungen

Der Name Hengameh stammt aus dem Persischen (هنگامه) und wird etwa „Hengāmeh“ ausgesprochen. Der Nachname Yaghoobifarah setzt sich aus den Elementen „Yaghoobi“ und „Farah“ zusammen. Yaghoobifarah legt Wert auf korrekte Aussprache und respektvolle Verwendung des Namens, ohne eine geschlechtliche Zuordnung.

Yaghoobifarah ist regelmäßig bei Lesungen und Literaturfestivals zu Gast. Ihre Veranstaltungen verbinden oft literarische Performance mit politischer Diskussion. Themen wie Queerness, Feminismus und antirassistische Politik werden dabei mit Humor, Intellekt und Leidenschaft behandelt. Besonders nach dem Erscheinen ihrer Romane ist sie auf umfangreichen Lesereisen im deutschsprachigen Raum unterwegs.

Kritik und Resonanz

Kaum eine zeitgenössische Autor*in spaltet die öffentliche Meinung so stark wie Hengameh Yaghoobifarah. Die einen feiern sie als mutige, intellektuelle Stimme einer neuen, vielfältigen Generation, die andere sehen in ihr eine überzogene Provokateurin.

Kritiker*innen loben ihre sprachliche Präzision, den Mut zur Konfrontation und die Fähigkeit, gesellschaftliche Debatten mit literarischen Mitteln zu beleuchten. Besonders in queeren und postmigrantischen Communities genießt Yaghoobifarah große Anerkennung, da sie Perspektiven sichtbar macht, die in den klassischen Medien oft fehlen.

Gleichzeitig wird ihr gelegentlich vorgeworfen, bewusst zu polarisieren oder Diskussionen zu vereinfachen. Doch gerade diese Spannungen gehören zum Kern ihres künstlerischen Schaffens: Yaghoobifarah versteht sich als Störfaktor im Diskurs, als jemand, der Dinge sagt, die unbequem sind – und dadurch Denkanstöße liefert.

Aktuelle Arbeiten und Zukunft (Stand 2025)

Im Jahr 2024 wurde bekannt, dass Yaghoobifarah der Partei Die Linke beigetreten ist. Dieser Schritt markiert eine politische Positionierung, die im Einklang mit ihren bisherigen Themen steht: soziale Gerechtigkeit, Feminismus und Antirassismus.

2025 steht ganz im Zeichen der Lesereisen und neuen Publikationen. Ihr Roman Schwindel sorgt weiterhin für Diskussionen in Feuilletons und auf Literaturfestivals. Yaghoobifarah bleibt zudem eine gefragte Stimme in Podien, Podcasts und kulturpolitischen Debatten.

Ihre Arbeit im Jahr 2025 zeigt, dass sie mehr als eine Kontroversenfigur ist: Sie ist zu einer festen Größe in der deutschsprachigen Literatur- und Medienlandschaft geworden. Ihre Stimme steht für Vielfalt, Reibung und den Anspruch, gesellschaftliche Verhältnisse immer wieder neu zu hinterfragen.

Fazit

Hengameh Yaghoobifarah ist eine der prägendsten Figuren der deutschen Gegenwartskultur. Ihre Texte sind unbequem, provokant und zugleich poetisch. Sie verbindet journalistische Schärfe mit literarischem Anspruch und steht damit exemplarisch für eine Generation von Autor*innen, die nicht nur beobachtet, sondern aktiv eingreift.

Ob in Essays, Romanen oder Kolumnen – Yaghoobifarahs Arbeit stellt Machtverhältnisse, Identität und Zugehörigkeit in Frage und fordert das Publikum auf, gewohnte Denkmuster zu überdenken.

In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten häufig in Polarisierung enden, ist ihre Stimme umso wichtiger. Sie erinnert daran, dass Kritik und Kunst untrennbar miteinander verbunden sind – und dass Fortschritt nur durch das Aushalten von Widerspruch entsteht.

Wer verstehen möchte, wie sich Literatur, Politik und Identität im 21. Jahrhundert verschränken, kommt an Hengameh Yaghoobifarah nicht vorbei. Ihre Arbeit bleibt ein Spiegel der Gegenwart – unbequem, mutig und notwendig.

Mehr über aktuelle literarische und gesellschaftliche Themen finden Sie auf Wissen Themen – Ihrem Blog für Kultur, Politik und zeitgenössische Debatten.

Sie können auch lesen: Iris Radisch – Eine starke Stimme der deutschen Literaturkritik und Gesellschaft

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